Was Heavy Metal war, ist und nicht ist... Part I (1964 -1981)

Heavy Metal ist nicht Musik, die von Idioten für Idioten gemacht wird. Heavy Metal kann deinen Hoffnungen und Ängsten Ausdruck verleihen, sie kann einem für eine Zeit lang ein berauschendes Gemeinschaftserlebnis verschaffen. Sie kann dich über den Ärger und die Sorgen des Alltags hinwegtragen.

LED ZEPPELIN

Die riesige Halle ist bis zum Platzen mit Jugendlichen gefüllt. Sie stehen dich aneinander gepresst, stoßen mit aller Wucht ihre Fäuste ind die Luft, schütteln rhythmisch ihre Köpfe. Die Münder sind weit aufgerissen, es scheint so, als ob sie aus tiefster Seele schreien würden, man hört aber nichts, außer dem Höllenlärm, der wie Blitz und Donner in der Luft liegt. Hörst du genauer hin, erkennst du, daß die geballte Energie, die von der Bühne kommt, einen Sinn ergibt: Eine aufheulende Gitarre, ein sich ständig wiederholender Rhythmus, der den Song zusammenhält, ein Riff, das dir den Schädel spaltet. Wenn die Handwerker der Heavy Metal bei der Arbeit sind, bringen sie wieder einer neuen Generation von Jugendlichen ihre Art von Musik bei. Die Musik ist laut, hämmernd, jeden Gedanken im Kopf auslöschend. Jeder im Publikum macht mit. Kein Jugendlicher steht abseits, es sei denn, er ist taub! Heavy Metal ist eine Bewegung die jede Nacht in vielen Konzerthallen der Welt immer wieder ihre Triumphe feiert. Die ganze Woche dröhnt diese Musik aus Millionen von Autoanlagen, Cassettenrecordern und Stereoanlagen. Die Geschichte des Heavy Metal beginnt mit Jimmy Page, dem Gitarristen von LED ZEPPELIN und startet im Jahr 1964. 1964 war das Geburtsjahr des KINKS-Songs "You Really Got Me", den meisten von euch bestimmt in der 14 Jahre späteren Aufnahme von VAN HALEN bekannt. "You Really Got Me" besteht im Grunde nur aus einem einzigen Riff, einem einfachen sich ständig wiederholenden Text, einem gleichförmig wummernden Baß und einem in mittlerem Tempo gerade durchziehenden Schlagzeug. Das krachende "DA`DA`DA`DA`DA" der Rhythmus-Gitarre wurde von Jimmy Page gespielt und brachte die Single zum Erfolg.
Im Grunde war das Riff von "You Really Got Me" keine Erfindung von Jimmy Page oder Kinks-Komponist Ray Davies, sondern von dem wichtigsten Punk-Stück aller Zeiten: "Louie Louie" von den KINGSMEN geklaut. Aber, was sollīs... wichtig ist, daß "You Really Got Me" hauptsächlich durch sein Riff lebte. Das Riff, sich unermüdlich wiederholende Tonfolgen des Rhythmusgitarristen, ist das Herz des Heavy Metal.

Bildeten die früher Singles der KINKS und der WHO den musikalischen Grundstein für Heavy Metal, so trugen Mitte der sechziger Jahre eine ganz andere Art von Bands auf ihre Art unbewußt zur Entwicklung des Heavy Metal bei:


JIMI HENDRIX   ERIC CLAPTON

 

Die Heavy Rock Gitarristen Jimi Hendrix und Eric Clapton beschworen die Zeit der "Guitar-Heroes" herauf.
Der Stil ihrer Musik war neuartig. Das Riff bildete die Grundlage des Songs, auf dem improvisiert wurde, um zum Schluß des Titels wieder zum Riff zurückzukehren. Im Gegensatz zu früheren und späteren Songs mit Heavy Metal-Riffs, wurde das gleiche Riff nicht während des ganzen Songs verwand. (z.B. "Sunshine Of Your Love" 
und "Spoonful"). Natürlich waren CREAM und die JIMI HENDRIX EXPERIENCE keine reinen Heavy Metal Bands. Sie übten aber nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die erste Generation der Heavy Metal Bands aus. Jack Bruceī Baßlinie im CREAM-Song "I Feel Free" tauchte später bei einer unzähligen Reihe von Metal-Songs wieder auf, ebenso prägte Hendrix mit "Can You See Me" ein geradezu klassisches Riff.

CREAM

Die Zeit der "Guitar-Heroes" begann aber nicht erst mit Hendrix und Clapton, sondern 1963/64 mit THE YARDBIRDS. Die größten Gitarristen, die Mitte der sechziger Jahre den Ton angeben sollten, hatten bei dieser Band eine Zeit lang mitgespielt. Jeff Beck löste Eric Clapton ab, Jimmy Page verdrängte Jeff Beck, nachdem beide mit ihrem Zusammenspiel in "Train Kept A Rollinī" einen Metal-Klassiker aus einem alten Bluesstück entwickelt hatten. Das Yardbirds-Arrangement von "Train Kept A Rollin" haben z.B. AEROSMITH und MOTÖRHEAD übernommen, um nur zwei Bands zu nennen. 1968 lösten sich die YARDBIRDS auf, und Jimmy Page gründete LED ZEPPELIN. Page der in "You Really Got Me" das erste Metal-Riff herausgedröhnt hatte, bewies auch bei LED ZEPPELIN, daß der sich die Metal-Klassiker nur so aus dem Ärmel schütteln konnte, wenn er nur wollte. "Whole Lotta Love" wurde zur nicht vergessenden Metal-Hymne. "Black Dog", "Rock And Roll" und vor allem "Stairway To Heaven" sind nicht weniger wichtige Songs.

DEEP PURPLE


Was LED ZEPPELIN für die ganze westliche Welt und DEEP PURPLE für Deutschland waren, war GRAND FUNK RAILROAD für die USA. Praktisch aus dem Nichts aufgetaut, wurden sie mit ihrem Auftritt 1969 beim Atlanta-Rock-Festival zur Super-Group. GRAND FUNK klauten ihre Riffs mit Vorliebe bei alten Bluessongs oder gleich bei CREAM: Vergleicht z.B. mal das zweite Baß-Riff von "Closer To Home" mit "Sunshine Of Your Love".
BLACK SABBATH waren das britische Gegenstück zu GRAND FUNK. Während GRAND FUNK einem völllig verzerrten Baß das Raushämmern der Riffs überließ, eine Neuerung die die amerikanische Bandder Entwicklung des Heavy Metal beisteuerte, verließen sich BLACK SABBATH, sowohl auf den Baß als auch auf Tony Iommisīs Gitarre.

BLACK SABBATH

1971 erzielte Heavy Metal seinen weltweiten Durchbruch, Alice Cooper, Led Zeppelin, Black Sabbath brachten jeweils eine LP heraus, die besser war als die Vorgänger: "Master Of Reality", "Paranoid", "Love It To Death", "Killer","Led Zeppelin IV" und "Epluribus Funk". Wer möchte kann noch UFOīs erste LP, DEEP PURPLE`s "Fireball" und URIAH HEEPīs "Lool At Yourself" hinzufügen. Wie gewonnen, so zeronnen...1972 veränderte sich alles zum Schlechten. Die Helden von gestern brachten schwache Nachfolgealben auf den Markt, wie BLACK SABBATH`s "Vol.IV" oder DUSTīs "Hard Attack". Andere enttäuschten ihre Fans, indem sie wie LED ZEPPELIN überhaupt nichts veröffentlichten. Neue Gruppen, die die alten ablösen konnten, gab es auch nicht, weil die Plattenfirmen kein Interesse mehr hatten, mit Metal-Bands Verträge zu machen und nicht im entfertesten daran dachten, diese Politik zu überdenken. Die Zeit für Metal stand still. Gut, STATUS QUO, T. REX und KISS halfen einem dabei, die mageren Jahren zu überstehen. Die Bands der zweiten Generation waren mehr Song- und Melodie-orientiert, kämpften einen verzweifelnden Kampf gegen die Masche der kaum vorstellbar schlechten Heavy Metal LPīs, die 1975 - ī77 veröffentlicht wurden. 

KISS

Die Metal-Fans die ohne ihre "Droge" nicht leben wollten, sahen sich nach frischem Blut um, kauften Platten von Bands wie DIRTY LOOKS, DIRTY TRICKS, DIAMOND REO und DETECTIVE. Es wirkte wie ein Schlag ins Gesicht, als man merkte, daß die neuen Bands schon vom Start weg alt klangen.

1977 fiel der Startschuß für Punk und Wave. Das Punk-Publikum der ersten Stunde bestand in England hauptsächlich aus Jugendlichen zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die nach harter, wilder Musik verlangten. Die Metal Bands, die einstmals für Spannung und Aufregung gesorgt hatten waren müde geworden, ihre Musik hatte sich verändert, war erwachsener geworden. Live-Konzerte fanden nur noch selten statt, und wenn überhaupt dann in riesigen Hallen, die jeden Kontakt zwischen der Band und ihren Fans verhinderte. Die Preise für Konzerkarten erreichten schwindelerregende Höhen und wurden als Verrat an der Treue der Fans beurteilt. Heavy Metal war hohl und leer gworden, machte keinen Spaß mehr. Punk-Bands wie "THE DAMNED" & "SAINTS" wurden von ehemaligen Metal-Fans gegründet, die sich als arbeitslose Jugendliche nicht mehr mit den Millionären auf der Bühne identifizieren konnten. Die Punk Bands pachten das Übel an der Wurzel: sie spielten für wenig Eintrittsgeld in kleinen Clubs, Bassist und Schlagzeuger traten das Baßpedal durch, bis sich der gleichförmige Pogo-Rhythmus ergab. Gitarren- und Schlagzeug-Soli wurden untersagt, um die Mauer des Lärms nie durch störende Einlagen zu unterbrechen. Die Texte handelten nicht mehr von weisen Königen längst vergangerner Tage, sondern schrien die Probleme ihrer Zeit heraus. Wenn du 1977 eine Metal-Band starten wolltest, mußtest du erst einmal beweisen daß du Meister deines Instrumentes warst, mit Leuten wie Jimmy Page technisch mithalten konntest, sonst hattest du keine Chandce. Die Punk-Bands hingegen antworteten: "Es ist gleichgültig, ob du ein, zwei oder drei Akkorde spielen kannst oder vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben eine Gitarre in der Hand hälst. Drisch einfach drauflos! Irgendwelchen Lärm wirst du schon zustande bringen." Plötzlich konnte jeder Jugendliche seinen Traum, auch einmal auf der Bühne zu stehen, sofort verwirklichen. 1977 war Heavy Metal nicht mehr Gegenstand allgemeinen Interesses. Wer bemerkte schon, daß MOTÖRHEAD ihre erste LP herausbrachten? Wieviele Fans kauften sich 1977 AC/DC`s "Let There Be Rock"? Die Verkaufserfolge waren sehr gering, die Presse nahm kaum Notiz. Die Metal-Fans, die immer noch am Ball waren, und ihren Freunden von diesen großartigen LPīs erzählten wurden meinst verspottet: "Pah, Heavy Metal! Ist doch völlig langweilig, hörīdir lieber die CLASH an!"

MOTÖRHEAD

Genaugenommen hielten nur AC/DC und MOTÖRHEAD den Glauben an die Bewegung aufrecht, denn die Punk-Explosion hatte eines erreicht: Dem Heavy Metal die Zufuhr frischen Bluts in Form neuer Gruppen abzuschneiden. Die kleinen Clubs waren nur noch für die Punk-Gruppen da, die Presse interessierte sich für nicht anderes mehr. Anfang 1979 war die urspüngliche Energie des Punk verbraucht.
Viele Leute verloren die Lust daran, Eintritt für Konzerte zu zahlen, die sie selbst besser geben konnten. Die Zeit in der Punks frisch und eigenwillig ihrer Wege gingen, war vorbei, die neue Modewelle wurde von den Plattenfirmen langsam verstanden und mit den alten Tricks an den Mann gebracht.

AC/DC

Die Zeit war gekommen, die jungen Metal-Bands der dritten Generation traten aus dem Schatten hervor und beanspruchten ihr rechtmäßiges Erbe. Die EMI veröffentlichte den Sampler "Metal For Muthas" mit Bands wie z.B. SAMSON, IRON MAIDEN, SLEDGEHAMMER, und PRAYING MANTIS. Die sogenannte New Wave Of British Heavy Metal war geboren.

IRON MAIDEN

Die jungen Metal-Bands spielten keine neue Musik, sie knüpften ganz bewußt an die überlieferten Werte ihrer Vorfahren an. Sie haben in Ihrer Anfangszeit (1980/81) mehr mit der Metal-Musik von 1971 als der von 1975 gemeinsam. Sie fühlten sich eher zu LED ZEPPELIN und DEEP PURPLE hingezogen als zu KISS. Wenn man die Platten der damals jungen Bands hört, kommt es einem vielfach so vor, als hätte es die zweite Hälfte der siebziger Jahre gar nicht gegeben. Die neuen Metal-Bands waren in keiner Weise musikalisch durch Punk beeinflußt worden. Wenn überhaupt, dann haben sie etwas von der Energie des Punk übernommen, spielten ihre Stücke etwas schneller als ihre Vorfahren, dehnten die Soloteile nicht mehr endlos aus, verzichteten in den Texten auf Geschichten von untergegangenen Königreichen und die Zeit für übertriebene Bühnenshows war auch vorbei.
Ebenso wie sich diese Musik des Heavy Metal immer wieder erneuert, sich in immer mehr Sparten aufgliedern läßt ist Heavy Metal auch in sich selbst ruhend, abgeschlossen, perfekt und zeitlos.

Pit Schneider